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Einheitsgemeinde Gerstungen
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Ortsteil GERSTUNGEN
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Chronik
1074 Der Friede von Gerstungen

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Der Friede von Gerstungen im Jahre 1074
Die Januarsonne des Jahres 1074 stand schon recht tief, darum trieb Herr Kuno, der Marschall des Klosters Fulda, sein Pferd immer und immer wieder an. Ross und Reiter waren schon sehr ermüdet, als sie Friedewald verließen und sich ihren Weg durch den dichten Säulingswald bahnten. Bitterkalt war es; zum Glück hatte der scharfe Ostwind nachgelassen, der ihnen noch entgegen pfiff, als sie nach Verlassen des Klosters Hersfeld zum Abtsitz Petersberg hinauf ritten. Völlige Windstille war eingetreten, als der einsame Reiter nach dem mühseliger Ritt durch den tief verschneiten Urwald an den Rheden angekommen war. Der strenge Winter hatte alle Wasserstellen und Tümpel dieses großen Sumpfes zu Eis erstarren lassen, sodass Herr Kuno seinen geraden Weg nach Obersuhl nahm, dessen kleine Bauernhöfe scheinbar ganz verlassen in der Dämmerung standen, und ein Hund schlug an, als er das Schnauben des müden Pferdes hörte; auch der Wachturm oberhalb des Ortes war trotz der unruhigen Zeiten nicht besetzt. Tiefe schatten lagen schon stark im Tale, immer wieder spornte der Reiter sein Pferd an, das kaum noch fähig war, in einem leichten Trab zu fallen, denn zu sehr hatten die tief verschneiten und hart gefrorenen Wege das Tier erschöpft. Endlich wurde das Ziel erreicht, der dem Kloster Fulda gehörende Ort Gerstungen. Die Nacht war hereingebrochen. Langsam lenkte der Reiter sein Pferd durch die stille Dorfstraße über den Anger nach der festen Wasserburg, in deren breiten Wallgraben das Wasser zu einer glatten Fläche gefroren war, in der sich der aufgehende Mond spiegelte. Kein Lichtschimmer zeigte dem müden Reisenden an, dass er auf ein schnelles Senken der Zugbrücke rechnen konnte, darum sprang er rasch vom Pferde und führte es über den ersten Teil der Brücke, deren innerer Teil hochgezogen war. Laut hallte der Huftritt des Pferdes auf den Eichenstämmen, von denen der Schnee weggefegt war. "Hallo! Aufgemacht!" Nichts regte sich, aber bald begann ein wütendes Gekläff der Rüden, die die Burgmannen aus dem Schlafe schreckten. "Aufgemacht!" Wieder dröhnte herrisch der Ruf der Nacht. Fackeln leuchten auf: "Wer ist draußen?" klang es über die Mauer. "Aufgemacht, alter Schläfer!" An der Stimme erkannte der Torwächter den Fremden, der in schöneren Tagen oft die Klosterbesitzungen im Thüringischen besichtigte. Schon rasseln die Ketten, der innere Teil der Brücke senkt sich, und sofort sprang ein Knecht aus der Burg, um das müde Pferd in die Stallungen zu führen, die im nördlichen Teil des Hofes am Wallgraben lagen. Dreimal machte er das Zeichen des Kreuzes an die Stalltür, damit die Wichtelmänner dem fremden Pferde keinen Schaden zufügen könnten.
Langsam ging der Marschall in die Burg. Da kam ihm schon Heribert, der Burgvogt, entgegen, mit dem er als Knabe gemeinsam die Klosterschule des heiligen Bonifazius besucht hatte. Gute Freunde waren sie seit jeher gewesen, und mochten auch Jahres- und Tageszeit recht seltsam sein, ihre Begrüßung war wie immer traut und herzlich. Es war nicht Heriberts Art, neugierig Gäste gleich nach ihren Wünschen zu fragen, deshalb richtete er erst, als sie im durch gewärmten Gemach am hellen Kaminfeuer saßen, an den Gast die Frage nach dem Grunde seines Kommens. Bedächtig setzte Herr Kuno die Weinkanne beiseite und sagte: "Erschrick nicht, übermorgen wird König Heinrich in der Burg weilen!"

Jäh sprang Heribert auf. "Der König? - Ich meine, er weilt in Mainz, wo sich die Bürger auf seine Seite geschlagen haben und ihren Bischof Adelbert vertrieben."

"Weilte, lieber Freund! Du scheinst nicht zu wissen, das die süddeutschen Bischöfe sich für ihn erklärt haben, ihn Ritter und Reisige schickten, und er schon nach Norden aufgebrochen war. Aber Mangel an Nahrung für Mann und Ross hielten bei diesem strengen Winter den Marsch auf…"

"Und die Harzburgen?" fiel ihm der andere ins Wort. "Otto von Nordheim belagert sie mit seinen Sachsen die Hasenburg; und die Heimburg (bei Nordhausen bzw. Blankenburg im Harz.) mussten sich schon ergeben. Wie es um die anderen steht? Ich weiß es nicht." "Verwünschte Fehde!" murmelte der Vogt."
"Aber sagtest Du nicht, in zwei Tagen kommt der König hier her ?" "Ja, doch höre: Auch die Sachsen leiden schwer unter der Strenge dieses Winters. Darum kommen hier auf Klosterboden der König und die Sachsenführer unter Otto von Nordheim zusammen, um zu versuchen, ob ein Ausgleich dem Kampfe ein Ende setzen kann, und der Abt befiehl dir, die nötigen Vorbereitungen für die Unterkunft und Pflege so hoher Gäste zu treffen."
Sprachlos starrte Heribert den Marshall an, dann ging er in wuchtigen Schritten im Zimmer auf und ab, eilige Gedanken für schnelle Maßnahmen flogen durch seinen Kopf; endlich setzte er sich wieder an den Kamin. Noch lange sprachen die beiden Alten über die Wirrnisse der Zeit, blickten zurück in ruhmreiche Tage, wo sie als junge Recken unter Heinrich dem Dritten gegen die Ungarn gekämpft hatten und träumten vom alten, glanzvollen Kaisertum des großen Otto.

Der Morgen des letzten Januartages brach an. Heribert war schon lange vor Sonnenaufgang in das Leutehaus gegangen, um die Burgmannen aus dem Schlafe zu wecken. Die Nachricht, dass der König komme, hatte schnell allen den Schlaf aus den Augen gescheucht und eilig traf Heribert seine Anordnungen: "Rugbert, nimm deine Rüden und geh’ mit mir und noch zwei Knechten auf die Jagd nach den Arnsbergen. Du Sigmar, schwingst Dich aufs Roß´ und meldest den Herren von Brandenburg Reckrod, Trott und Buttlar die Ankunft des Königs. Auch die Herren von Herda und Dippach und die Mönche von Neustädt müssen benachrichtigt werden."
"Nicht zu allen braucht Sigmar zu reiten" fiel ihm da Herr Kuno ins Wort, der aus dem Herrenhaus zu den Versammelten getreten war, "einen Teil der Herren benachrichtige ich, denn ich will ja heute nach Heringen, Marksuhl und Nassdorf reiten, um für das Kloster die Wenden an die Zehnten zu mahnen, die sie für das vorige Jahr noch nicht bezahlt haben."
Während die Männer auf dem Hofe sich in die Arbeit teilten, schaltete Gertraud, des Burgvogtes Frau im hause, um mit den Mägden die schnellen Vorbereitungen für die Ankunft des Königs zu treffen, auf das derselbe in späteren glücklicheren Zeiten sich gern der Gerstunger Burg erinnern möge. Als es Abend wurde, waren Küche und Haus für den Empfang der hohen Gäste bereit, die Herren und die freien Bauern aus den Nachbarorten waren benachrichtet, nur Herr Heribert war noch nicht von der Jagd zurück. Erst als es dunkel war, holperte der schwerfällige, wegen der reichen Beute entliehene Wagen des Marienklosters über die Brücke: Zwei schwere Hirsche, ein Kuder, ein Keiler und sogar eine starke Bärin waren zur Strecke gebracht worden. "Jetzt im Winter einen Bären ?" Mehrfach scholl den Ankommenden diese Frage entgegen. "Ja, ein seltenes Stück", lachte der Rüdemeister, "bei den Wotanzeichen war unter der schweren Schneelast eine Eibe gestürzt, Meister Petz hatte sich da ein neues Quartier gesucht, aber unsere Hunde fanden die frische Spur und jagten ihn auf."

Jubel herrschte ob des Jagdglückes, und noch lange brannten in die Nacht hinein die buchenen Lichtspäne in den Wirtschaftsräumen der Burg, damit das Wildbret für den kommenden Tag zurechtgemacht wurde.

Wenig Schlaf hatten in dieser Nacht die Burgmannen gefunden, schon der frühe Morgen sah sie wieder geschäftig bei der Arbeit. Zugbrücke und Tor, Türen und Zimmer des Herrenhauses wurden mit bunten Tüchern und grünen Tannenreisern geschmückt, sogar über den Ställen prangten in Mitten des Schnees frisch gebrochene grüne Reiser.
Auf dem hölzernen Wachtturm der Burg stand Rudolf, der Sohn eines freien Bauern aus Dankmarshausen, der sich in den Dienst des Burgvogtes begeben hatte, und schaute angestrengt nach allen Seiten aus, ob sich denn nicht in der Ferne ein Reitertrüpplein zeigte. Ungewiss war es, von welcher Richtung der König und aus welcher die Sachsen kamen, waren doch die alten Straßen, die von Mainz nach dem Nordosten führten, und die sich bei Gerstungen gabelten, arg verschneit und kaum gangbar, ja sogar das schnelle Wasser der Werra war an der Furt unterhalb der Burg in diesem Winter zeitweise zugefroren.

Die kleinen Grundherren der Umgebung waren schon mit einigen Reisigen eingetroffen und warteten im Hofe der Burg, während sich die Bauern aus dem Tale auf dem Anger einfanden, um Zeuge dieses seltenen Schaustückes zu sein. Ein Glück war es, dass bei ruhigem Winde die Sonne wärmend auf die Thüringer Landschaft schien, sonst wäre das Warten recht bitter geworden. Da endlich hob Rudolf das Horn, ein schmetternder Ruf klang über Burg und Dorf, aufgeregt eilte alles herzu, und der Späher wies in nördlicher Richtung, wo auf dem Wege vom Marienkloster her ein Reitertrupp mit Wimpeln und Bannern sich zeigte.
"Der König ! Der König!" "ging es von Mund zu Mund. Schnell eilten die Herren zu ihren Pferden, sprengten über die Brücke und stellten sich rechts und links von derselben auf; weiter außerhalb auf der Dorfstraße standen in achtungsgebietendem Abstande die freien Bauern und hinter ihnen die zinspflichtigen Dörfler; ganz abseits standen in einigen Trüpplein Nachkommen jener "Wenden" deren Vorfahren vor ungefähr 100 Jahren von den Abten des Klosters Fulda als Kriegsgefangene im Werratale angesiedelt worden waren. Als der Reitertrupp des Königs die Lindighöhe herunter gekommen war, hob den Ankommenden als erster Gruß entgegen.

Lautlos harrte die Menge vor der Burg, da hörte man den Hornruf des Herolds, und jetzt spornten Herr Kuno und Herr Heribert die Pferde und sprengten dem Königszug entgegen, den sie vor dem Dorfe am Schinderloch erreichten. Schnell sprangen sie vom Pferde, verneigten sich tief vor der jugendlichen, doch männlichen Erscheinung des jungen Königs Heinrich und brachten ihm im Namen des Abtes von Fulda den Willkommensgruß. Kurz dankte der König, dann richtete er an Heribert die Frage, ob nach Gerstungen Botschaft von seinen Harzburgern gekommen sein. Heribert verneinte. Ernst blickte sich der König nach seinem Gefolge um, an dessen erster Stelle Herzog Welf von Bayern und Reginhard, der Mönch, ritten; wenige Worte wurden gewechselt, und dann ritt der Zug weiter, nachdem Heinrich die beiden Mannen des Abtes von Fulda an seine Seite gerufen hatte. Bald erreichten sie die harrende Menge, Heilrufe klangen stark aus den Reihen der Bauern, auch die Edlen schlugen nach alter, deutscher Art an die Schilder, aber man merkte gar wohl, dass mancher Herr es mit den Sachsen hielt, hatte doch der König sich die Thüringer verfeindet, da er zu sehr den Mainzer in Erfurt begünstigte .Auf dem Burghof angelangt, sprangen die Reiter von den Pferden, Knechte eilten hinzu und führten die Rosse in die Ställe, in denen schon Platz geschaffen war, und Heribert geleitete den König in das schlichte Herrengemach der Burg.

Da ertönte wieder ein Hornruf vom Turme, und Rudolf meldete von seinem hohen Stande aus, dass ein einziger Reiter in vollem Galopp von Neustädt her sich nähere. Nicht lange darauf ritt er unter den verwunderten Blicken der Menge in die Burg und verlangte sofort zum König geführt zu werden. Herrisch gebot Heinrich, dass sich alle außer Welf und Reginhard entfernen möchten, als der Ritter Konrad von Wendelhausen eintrat. Mit arg beschädigter Gewandung neigte er sich vor seinem König und sprach: "Der Herr verzeihe dem Boten, wenn er üble Nachricht aus den Burgen des Sachsenlandes bringt. Die Lüneburg ist von den Sachsen gestürmt worden, nachdem die tapfere Besatzung durch Feuersbrunst ihre letzten Vorräte vernichtet fand." Kaum merklich zuckte der König bei dieser Kunde zusammen.

"Steht die Harzburg noch?" "Ja Herr ! Vor vier Tagen habe ich sie verlassen, bin auf Schleichwegen durch die Belagerung gekommen und kann euch melden, die Harzburg wird Jahr und Tag den Feinden Trotz bieten." "Ruht euch aus!" gebot der König; der Ritter verließ das Gemach, und Heinrich saß mit seinen Getreuen noch einige Zeit in geheimer Beratung, um dann sich bei Speise und Trank für das kommende zu kräftigen. Von den Sachsenführern war noch keine Nachricht gekommen. Als Burg und Dorf Gerstungen schon im Schatten lagen, und die letzten Sonnenstrahlen die östlichen Werrahöhen in einen rötlichen Schimmer tauchten, erkannte Rudolf einen fremden Reiter, der den Böller herunter auf Gerstungen zustrebte. Laut klang sein Horn über das Thal. Im nu sammelten sich die Neugierigen wieder an die Brücke, glaubten sie doch den Einzug der Sachsenherzöge jetzt sehen zu können. Doch ein einzelner Ritter kam auf abgetriebenem Pferd langsam durch die Werrafurt zur Burg geritten, wünschte den König zu sprechen und wurde sofort zu ihm geführt.

"Ich kenne Dich, Walter von Vargula", redete der König ihn an, "sag, was bringst du mir? "Melden soll ich euch, König Heinrich, von meinen Herren, Otto von Nordheim und Magnus von Sachsen, dass es ihnen nicht möglich, noch heute diesen Platz zu erreichen. Zu sehr hat der Ritt durch den Hainich die Pferde ermüdet, beim Überschreiten der Hörschel brachen zwei Pferde durch das Eis in den Fluss, und lange dauerte es, bis wir die Tiere befreit hatten, und morgen in der Stunde vor Mittagszeit werden sie hier sein. Ich bin vorausgeschickt, Euch dieses zu melden."

Wieder verneigte sich der Ritter, doch der König brauste auf: "Ist das auch wahr? Oder wollt ihr Säumigen schon durch Euer spätes Kommen den König reizen, wollt damit Eure Missachtung zeigen?" Fest blickte der Ritter den König an, als er sprach: "Der König hörte die Wahrheit!" Verneigte sich und ging. "Verdammter Trotz" schrie Heinrich, "dieser freche Thüringer hält es mit den Sachsen!"

Am anderen morgen meldete Heribert die Ankunft der Sachsen. Umgeben von seinen Getreuen saß der König in dem großen Gemach der Burg, als die Führer der Sachsen eintraten. Stolz und frei stellten sie sich dem König gegenüber an die andere Seite des Raumes, und Otto von Nordheim als ihr Führer begann: "Wir entbieten dem König unseren Gruß." "Einige lässige Art habt ihr, Euren König zu begrüßen", begehrte Heinrich auf, "es gab Jahre da stand es anders zwischen uns!"
"Große Hoffnungen setzen wir in Dich, Heinrich", sprach ruhig der Ältere, "als Anno von Köln und ich Dich in Kaiserswerth entführten. Doch Anno war machtlos gegen das Begehren des Papstes; auch Adalbert von Bremen wich vor den cluniazensischen Mönchen zurück, die immer mehr die Macht des Römers zu festigen verstanden. Wahrlich, das alte deutsche Kaisertum hat schmächlich dem römischen Papste nachgeben, und du König hast nichts begonnen, die alte Macht des Kaisers wieder zu stärken."
Bei diesem Vorwurf erhob sich jäh der junge König, seine große schlanke Gestalt überragte sein Gefolge und leidenschaftlich entgegnete er: "Nicht ich habe vor dem Papste mich gebeugt, meine Ratgeber sind es gewesen. Ihr, die ihr Euch deutsche Fürsten nennt, schmälert ja selbst das deutsche Kaisertum! Eigensüchtig und engherzig kennt ihr nur Euer kleines Land, nicht das Reich! Ihr deutschen Fürsten hattet geglaubt, mich, der ich als Kind gekrönt wurde, als Schattenkönig zum Spielball Eurer Wünsche zu machen." Immer mehr zitterte die Erregung in dem jungen König, immer leidenschaftlicher wurden seine Anklagen gegen die deutschen Fürsten, und schließlich schleuderte er jähzornig Otto von Nordheim die Anklage entgegen; "Ja, es gab einen, der einst als deutscher Fürst mein Berater war und mich ermorden lassen wollte."
Eine Blutwelle schoss in das Gesicht seines Gegenübers: "Halte ein, Heinrich! Ein übler Kumpan hat dir die Anklage willkommen ins Ohr geflüstert, nichts hast du bewiesen, kleine Rache wollte ein Anderer an mir nehmen." "Euer sächsisches Fürstengericht hat Dich in Goslar zum Hochverräter gestempelt, nicht ich! Ein Hochverräter und Meuchelmörder führt die Sachsen an!"
Ein wildes Geschrei war die Antwort auf diesen Ruf des Königs, die Sachsen griffen zu den Waffen, und Magnus sprang gegen den König mit geschwungenem Schwert. Da fiel ihm Reginhard in die Arme, und Herr Kuno und der Burgvogt drängten die Erregten zurück.
"In dieser Burg herrscht der Friede des Klosters!" rief der Mönch, "Ihr Herren mäßigt Euch!" Dann trat er zum König, der noch immer die Hand am Schwertknauf, stolz auf seine Feinde blickte, und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Heinrich nickte, und der Mönch sprach: "Der König wünscht eine Unterbrechung der Verhandlung, Ihr Herren stärkt Euch inzwischen und kommt dann wieder in dieses Gemach." Unschlüssig standen die Sachsen, doch Herr Kuno redete ihnen heftig zu, und schließlich verließen sie murrend den Raum.
Nach geraumer Zeit wurden sie wieder in das Gemach gerufen. Ein heftiges Schneegestöber wirbelte im Tale der Werra und mahnte die Streitenden an den Ernst dieses Winters. Wieder war es Reginhard, der versöhnlich zu den Gegnern sprach: "Ihr Herren, lasst doch das Vergangene ruhen, denkt an die Gegenwart und seit versöhnlich!" Darauf begann Otto von Nordheim: "König Heinrich, du weißt wie schwer Deine Lage im Deutschen Reiche ist, Deine Burgen im Harz sind von unseren Mannen eingeschlossen, drei sind schon erobert,…" "Umso länger halten die Anderen!", fiel ihm der König ins Wort. "Du irrst, auch die anderen werden bald unser sein, und tödlich wäre es für Dein Ansehen, wenn alle Deine Burgen sich ergeben müssten."
"Nicht so frohlocken", entgegnete Heinrich, "an der Harzburg werdet Ihr Euch die Zähne ausbeißen, wenn ihr nicht vorher vor den Wällen einschneit oder erfriert. Haltet mich nicht für so machtlos, an der Fulda steht ein starkes Heer, das Euch die Macht des Königs zeigen wird. Bis dahin halten meine Burgen."
"Und die Sorge um deinen Schwager in Ungarn?" "Lasst das meine Sorge sein", entgegnete der König, "doch warne ich dich, übertreibe nicht die Forderungen. Nun nenn sie mir!"
Nach kurzer Pause begann Otto von Nordheim: "Schon immer ist es den Sachsen ein Dorn im Auge, dass die deutschen Kaiser im Harz und weiter nördlich einen Kranz von Burgen errichten. Schwer fühlt dadurch sich das Volk in seiner alten Freiheit bedroht, darum fordert es, dass Du, König, die Burgen schleifst. Außerdem verzeihe diesem Volksstamm, der sich gegen Dich erhoben hat, und nimm keine Rache, weil die Sachsen ihre alte Freiheit wieder errungen haben. Dann mindere die Steuern, und erlasse teilweise die Heeresgefolgschaft. Zu stark fühlt sich der Freie beengt durch solche Verpflichtungen. Und noch eins", dabei blickte Otto dem König fest ins Auge, "ich will wieder mein Herzogtum Bayern zurück, dass Du mir vor vier Jahren abgenommen hast."
Nur mühselig hatte der König den immer mehr aufsteigenden Zorn zurückgehalten. Mit verhaltenem Grimme begann er: "Kein deutscher König kann derartige Forderungen erfüllen! Klug hast Du mit den Deinen sie ja gestellt. Ihr wollt meine Macht im Norden schwächen, und Du Otto willst Dich wieder im Süden festsetzen…Ha! Ha!", wild lachte jetzt Heinrich auf, "zu dem Zerrbild eines Königs wollt Ihr mich machen! Und Du dürstest nach Macht, die Dir nie zukommen wird!"
"Fallen Deine Burgen, dann fällt Deine Krone!" "Steht mein Heer, dann wehe Dir und den Sachsen!"
Lange ging der Streit der Rede hin und her, nur selten kam ein Anderer zu Wort, zu sehr hatten sich König und Herzog in ihre Gedanken verstrickt. Nach einiger Zeit trat Herzog Welf an den König heran und sprach leise und eindringlich mit ihm.

Darauf begann der König zu den Sachsen: "Einer unter uns ist großmütiger als ihr trotzigen Söhne des Tieflandes. Du Otto, sollst Dein Herzogtum Bayern wieder haben. Bedingung aber ist, dass Du Dich treu zu deinem König stellst. Auch die unruhigen Sachsen mögen straffrei ausgehen, aber auch sie müssen mir als ihrem König huldigen. Von den Burgen behalte ich die Harzburg, die anderen mögen zerstört werden." Der verbissene Magnus von Sachsen warf sich jetzt in das Gespräch, die Harzburg müsse auch verschwinden. Immer und immer wieder stellte er diese Forderung, die der König aber rundweg ablehnte. Erst auf Zureden seiner Stammesgenossen gab er nach. Da nahm der Mönch Reginhard den Federkiel, zog ein großes Pergament zu sich auf den Tisch, und schrieb die Grundlagen nieder, auf die sich König und Sachsenführer geeinigt hatten. Nach dem Verlesen des Schriftstückes schwankte der König noch einen Augenblick, dann drückte er wuchtig seinen Siegel unter diesen Vertrag von Gerstungen. "Noch ist die Frage der Zinspflicht, auch die der Heeresgefolgschaft und des Lehnswesens nicht gelöst, die Grenzen des Bistums Bremen liegen ebenfalls noch nicht fest, aber lass uns diese Einzelheiten in Goslar regeln", sprach der König, und die Herzöge willigten ein.

Der Vertrag war unterzeichnet, Friede herrschte zwischen dem König und dem norddeutschen Stamme der Sachsen, aber noch lastete ein schwerer Ernst über der kleinen Versammlung. Darum sprach der Burgvogt Heribert: "Schwer war das Tagewerk, die Dämmerung liegt schon in den Tälern, deshalb lade ich Euch alle zu kräftiger Speise und gutem Trunke ein, damit ihr morgen Euch versöhnlich trennt."
Doch Otto von Nordheim entgegnete: "Dank Dir für die Gastfreundschaft, wohl werden Speise und Trank uns gut tun, doch noch heute reiten wir ab."
Am Abend ritt die Gesandtschaft der Sachsen über die Zugbrücke wieder gen Nordosten. Heiter waren die Gespräche der Reiter, konnten sie doch ihrem Volke von dem Erfolge der Verhandlungen berichten.

König Heinrich saß, in schweren Gedanken versunken, im großen Burgzimmer, seine Getreuen hatte er fortgeschickt, allein wollte er nach der heutigen Demütigung seinen Gedanken nachhängen. Er wusste, dass einst die Zeit kommen würde, dass er die trotzigen Sachsen demütigen würde, konnte er sich doch auf die erwachende Bürgerschaft der Städte stützen, waren ihm doch auch die süddeutschen Bischöfe zugetan, vielleicht war mancher deutsche Fürst noch gegen den norddeutschen Volksstamm zu gewinnen. Aber schon sah er die größte Gefahr für das deutsche Reich, die Macht des Papstes wurde immer größer und drohte das Ansehen des Kaisers im Auslande und auch daheim immer mehr zu schwächen.

Da reckte sich die hohe Gestalt des Königs, ein stolzer und herrischer Zug trat in sein Gesicht, das verriet, dass er trotz aller Not unermüdlich für das deutsche Kaisertum kämpfen würde, und dann trat er aus dem Zimmer, verließ das Herrenhaus und schritt über den großen Hof zum Verhau das gen Osten lag, wo der Wall der Burg steil gegen den Fluss abfiel. Lange blickte er über die verschneiten Baumgruppen des Tales hinweg, sein Auge verweilte kurz auf einem Storchennest, das auf einer alten Weide inmitten des Schnees wie ein vom Erdboden losgelöster Fleck erschien. Von den Bergen herüber klang der lang gezogene Klageruf eines Wolfes durch die tiefe Stille der Landschaft. Lange stand der König; es schien, als ob er sich eins fühle mit dieser deutschen Landschaft, als ob neue Kräfte aus ihr in ihn hineinströmten, denn immer ruhiger wurde sein Inneres, immer sicherer seine Gedanken. Dann machte er kehrt, schritt leichten Ganges zum Hause und blieb noch einige Zeit in fröhlicher Runde mit seinem Gefolge. Reges Leben herrschte am anderen Morgen auf dem Burghofe. Fast alle Pferde wurden gesattelt, denn der Burgvogt hatte befohlen, dass die gesamte Mannschaft der Burg dem König bis zur Wasserscheide das Geleit geben sollte. Bald setzte sich der stattliche Zug in Bewegung. Trotz der winterlichen Vormittagsstunde war wieder viel Volk zusammengeeilt; aus Herda und Berka, aus Igelsdorf und Dippach, aus Sallmannshausen und Neustädt, und noch von anderen Orten kamen die Freien und Zinspflichtigen; einige Mönche von Neustädt, die zu dem Kloster Hersfeld.

Eine geschichtliche Erzählung von Dr. Erich Stengel
(1925-1933 Lehrer an der Realschule Gerstungen/einer der Gründerväter des Gerstunger Heimatmuseums)
Abgedruckt in der Werra-Zeitung vom 07.11.1931